Tanzende Pferde

Jetzt bin ich schon seit fast 2 Wochen in Nicaragua und ich wage zu Behaupten das ich mich gut eingelebt habe, obwohl einleben hier für mich eine andere Bedeutung hat, da kein kunterbunter Tag dem anderen gleicht.

Erst am Samstag wurde es ruhiger, die Familie war ausgeflogen und ich war ganz alleine mit meinem Freund, dem Schaukelstuhl in der Sonne.

So ruhig war es lange schon nicht mehr, ich habe die Atmosphäre wirklich genossen und dachte sie würde noch einen ganzen Tag andauern. Irgendwann später kam noch Carsten vorbei und nach erfolgreichen Gitarre stimmen(Juhu!) haben wir Jungle Speed mit meinen Gastbrüdern gespielt, die mich übrigens inzwischen begeistert „sackalina“ nennen. (Diesen Namen hat mir mein Bruder Thomas bei skype eingebrockt, ja Danke ;)).

Abends kam mein dritter Gastbruder Josue nach Hause, der für mich ziemlich spontan Geburtstag hatte. Mit Buntstiften und deutscher Schokolade habe ich noch ein Geschenk improvisiert und bevor ich mich versah befand ich mich zwischen 10 Personen bei einer bunten Familienfeier. Als das Essen vorbei war, klopfte es an der Tür und ohne Vorwarnung kamen weitere 10 Familienverwandte, die irgendwie auch zum Teil hiergeblieben sind. Alina in einer großen Großfamilie, bueno.

Am Sonntag hat mir meine Gast-Oma Rosa Spanisch beigebracht, auf sehr interessante und witzige Weise. Wir saßen nebeneinander in den Schaukelstühlen und haben Bibel gelesen. Ich mit meiner deutschen Bibel und sie mit ihrer spanischen Bibel, aus der sie vorgelesen hat. Das spanische „Vater Unser“ (Padre Nuestro) habe ich bei dieser Gelegenheit auch gelernt. Es ist schön mit ihr über Kirche und Glauben zu „reden“ (inzwischen kann ich sogar manchmal einige Sätze auf einander beziehen), nur mit dem Papst und Maria kann ich nicht soviel anfangen, die hier in der katholischen Stadt sehr populär sind. Mal schauen wie es wird, wenn ich bald mal mit in eine Messe komme.

Gegen Nachmittag gab es Ausgleich Programm – Karneval in Ocotal. Mit zwei Jungs aus Somoto (Junior und Ramon) sind Carsten und ich in die 45 Minuten entfernte Stadt Ocotal gefahren (die Fahrt im Bus habe ich übrigens mit einem 6 Monate alten Baby im Arm verbracht, dass irgendjemand mir in den Arm gedrückt hat). In Ocotal angekommen wurde uns zunächst das Wort „caballo“(Pferd) beigebracht, dass ich persönlich liebend gerne mit dem Wort „cebolla“(Zwiebel) verwechsel. Es besser nicht zu verwechseln, merkte ich als ich den „Karneval“ sah. Anstelle von bunten Pappmasche Wagen (wie wir sie aus Münster kennen), tanzten gefühlte 1000 Pferde zur Musik(!) mit ihren als Cowboy verkleideten Reitern durch die Straßen von Ocotal. Das Ambiente der Veranstaltung lässt sich jedoch gut mit Deutschland vergleichen: Bier, viel Bier, ausgelassene Partystimmung und alle als Cowboys und -girls verkleidet. Süßigkeiten gibt es nicht, aber dafür ist die Musik, nach meinem Geschmack, viel besser. Zwischen 18 und 19 Uhr war der Spaß vorbei und mit der untergehenden Sonne ritten alle nach Hause, während wir zum Busbahnhof liefen um den letzten Bus nach Somoto zu bekommen. Leider kam kein letzter Bus. Während ich mir dir verheerende Folgen ausmalte, hatte Ramon bald Kontakt zu Leuten mit einem Pickup geknüpft. So konnten wir Gott sei Dank, hinten auf der Ladefläche zurück durch die Sternenklare Nacht nach Somoto schweben und da hinten zu liegen ist ein Hochgefühl für sich.

Meine Arbeit in Worte zu fassen fällt mir schwerer, obwohl ich sehr zufrieden dort bin. Es gibt Zeiten, da lässt sich die Arbeit eher als „Beschäftigungs-Therapie“ bezeichnen, z.B wenn wir Stundenlang Buchstaben oder Obst im Büro zeichnen und ausschneiden dürfen. Umso glücklicher bin ich dann, wenn wir mit ein paar Mitarbeitern in eine Comunidad raus fahren und ich erst mit einem lächeln, dann auch mit Worten mehr und mehr an den kleinen Projekten und Workshops zu Themen wie, Gender, Gewalt und Menschen Rechten mitwirken kann. Die Bewohner der Comunidades verstehe ich zwar schlechter, aber dafür bin ich von vielen wirklich beeindruckt. Bei der Herzlichkeit und Freude mit der wir empfangen werden, will man gar nicht wieder weg gehen. Selten bin ich mit leeren Händen zurückgekehrt, denn zumindest eine Probierportion von Früchten wird einem mitgegeben, oft auch Früchten die ich bis dahin noch nicht kannte. Am eindrücklichsten war die Erfahrung, als ich mir einen Fuß in einer Comunidad umgeknickt habe und ich mich zwischen „gerührt sein“ und „ das ist mir unangenehm“ nicht entscheiden konnte, als eine alte Dame mir liebevoll den Knöcheln mit einer grünen Salbe einrieb (auf dem Etikett der Salbe war übrigens eine Marihuana Pflanze abgebildet, nun denn der Schmerz war bald weg 🙂 )

Morgen gibt es hier vor Ort ein größeres Projekt, dass „nuestra Masculinidad“ (unsere Männlichkeit) heißt und darüber aufklären soll, dass z.B. Machismos nicht wünschenswert und auch nicht Naturgegeben ist… Ich bin schon gespannt wie ich da hin passe, ich mit meiner Männlichkeit… wink
Insgesamt kann ich sagen, dass ich sehr zufrieden hier bin und verhältnismäßig auch gesund.

Ich danke vielmals für die Rückmeldungen und Kommentare, es freut mich echt von euch zu hören!

4 Gedanken zu “Tanzende Pferde

  1. Jaja unsere männliche Sackalina 😉 Schön so viel von dir zu hören und dann auch noch so viel positives! Ganz liebe Grüße vom Lande :-*

  2. Wieder ein total interessanter Bericht- ich finde es super dadurch so nah am Geschehen dran zu sein, obwohl du so weit weg bist.
    Übrigens eine tolle Art spanisch zu lernen, aber die Oma ist ja wahrscheinlich nicht die einzige Nachhilfe. Du hast es gut formuliert „Papst und Maria sind sehr populär“ – eben wie ein bewundernswürdigender Star, aber „Vor Gott sind alle Menschen gleich“(Römer 2, 11)
    Zu deinem neuen Projekt: da steckt doch dein Name drin: mascu – LINI – dad
    – ich hoffe, es wird eine gute, spannende Sache.

  3. jaja unsere sackalina 😀 erlebt fantastische sachen!
    man wird ganz neidisch, klingt echt genial! 🙂
    freu mich schon auf die nächsten berichte!

  4. Wow, ich beneide ich total! eine Berichte sind echt lesenswert, und du scheinst dich wirklich wohl zu fühlen, ich wünsch dir dass es dir auch weiterhin so gut geht 🙂 Ich werd auf jeden Fall weiterverfolgen was du so erlebst! Super Sache, dass du deine Erfahrungen mit uns teilst! 🙂

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