Durchblick

Eine Münsteranerin ohne Fahrrad ist wie ein Schmetterling ohne Flügel.

Ab heute hab ich wieder neue Flügel für 55€ mir Schloss. Die Verarbeitung ist nicht die Beste, aber morgen werde ich los fahren und eine Zange, Schraubenzieher und Ketten Öl kaufen müssen und z.B die schleifende Bremse reparieren.

Ich hoffe es langweilt euch nicht, wenn ich wieder einmal schreibe, dass es mir Bestens geht. Ich fühle mich jedes Mal wie ein Held, wenn ich wieder was Kluges für den Umgang mit dem Alltag entdeckt habe.
Zum Beispiel, weiß ich jetzt wie man über den glatten Boden schlurft, wenn es geregnet hat, damit man nicht andauernd ausrutscht.
Nach dem ich des Öfteren nächtlichem unerwünschten Besuch in meinem Zimmer hatte, habe ich rausgefunden wie ich mein defektes Fenster jede Nacht verbarrikadiere, damit es keinen Katzenbesuch mehr gibt. Mücken, Geckos und Mäuse lassen sich leider nicht davon beeindrucken.

Ich verschrecke angreifende Hunde, allein mit der Bewegung einen imaginären Stein aufzuheben, erprobe mich daran seltsames Gemüse nur mit dem Löffel in der Suppe zu pellen und alltäglicher Wasser und Stromausfalls können mich nicht mehr beeindrucken. Vermutlich mutiere ich hier noch zum Helden und Helden ignorieren auch zunehmend Mosquitos und pfeifende Männer.

Die Stadt, das Städchen( ca. 20 000 Einwohner) ist für mich inzwischen auch übersichtlich geworden. In den ersten orientierungslosen Tagen war ich immer unglaublich stolz, wenn ich den Weg durch die im Schachbrett angelegte Stadt zu meiner Arbeit oder zum „Supermarkt“ gefunden habe. Inzwischen habe ich eine Karte im Kopf und kann mich an diverse Tante Emmer Läden, dem Park, der „Eisdiele“ Straßenmärkten, Billardcafes, der Post, der Markthalle, dem Schreibwarengeschäft und Secound-Hand Läden orientieren. Einkaufen geht auch ganz gut, auch mit „Chela-Aufschlag“( Weißen Aufschlag) kommt man mit ca. 0,30€ – 0,40€ für eine Mango, eine Taxifahrt oder ein Eis gut weg.  Für meinen Bedarf ist die Infrastruktur ausreichend, doch kann man plakativ behaupten, dass mit dem fehlenden Straßenpflaster, die Infrastruktur schwindet und Armut und (angeblich auch) Gewalt in der Umgebung zunimmt.

Von meiner Gastfamilie berichte ich am liebsten, da ich mich hier am wohlsten fühle und von tollen Menschen umgeben bin. Nicht selten sitzen wir abends zusammen und meine persönlichen Erfolgserlebnisse und Highlights sind, wenn ich gefragt werde ob wir was basteln… Kleine Döschen, Vögel und Schiffe aus Papier stoßen auf große Begeisterung und von Müslipackungen bis Werbung ist schon viel im Haus verbastelt.
Wenn alles klappt, fahren wir am Wochenende auf die „Finca“ (Landhaus) in den Bergen. Abgesehen von viel frischem Obst und Gemüse soll es da auch Pferde geben, vielleicht lerne ich noch reiten. Ohne Reithalle und Pferdezicken, so wie ich es mir heimlich gewünscht habe, wenn ich gesagt habe, dass ich keine Pferde mag.

Meine Arbeit ist sehr vielseitig und kann interessant und anstrengend sein aber es gibt auch viele verschiedene Facetten der Langeweile und Unterforderung.  Die letzten Tage waren jedoch eher positiv.
Gestern wurde ein großes Projekt in der Comunidad Unile (15min entfernt) zu den inzwischen mehr und mehr bekannten Themen „Gewalt, Sexualität und Menschen Rechten“ veranstaltet. Nach gemeinsamen Mittagessen wurden mit Plakaten, Theaterstücken und Vorträgen versucht die circa 40 Teilnehmer von 2-60 Jahren für die Themen zu sensibilisieren. Die Methoden und die Durchführung sind sehr bunt und liebevoll und ich gebe mir Mühe den mir in Deutschland beigebrachten Kritiker nicht viel Platz einzuräumen. Lieber überlege ich mir währenddessen, was ich gerne mal ausprobieren würde, wenn ich genug Spanisch kann um mich bei so einem Projekt aktiv beteiligen zu können. Denn bis jetzt beschränken sich meine Aufgaben auf die Vorbereitung der Materialien, Aufmerksam sein und hoffen irgendwo mit anpacken zu können. Eine „Dynamica“ anleiten zu dürfen, ist dabei ein wahres Highlight für mich.
Heute waren wir den ganzen Arbeitstag mit zwei Kollegen in Esteli(größere Stadt, 1h entfernt) und haben Blumen für ein Pflanzenprojekt in einer Comunidad eingekauft und später dorthin gebracht.   Dabei konnte ich auch die zwei Kollegen Maria und „Chele“ besser kennen und schätzen lernen, die mich später noch beim Fahrradkauf unterstützt haben und uns zum Mittagessen eingeladen haben.
Mit ihnen weiterhin in Projekten zusammenarbeiten zu können, würde mich wirklich freuen.

So und bevor in meinem Kopf wieder das passiert, was ich im letzten Blog Eintrag beschrieben habe, verabschiede ich mich mit der erfreulichen Nachricht, dass ich heute wieder Tante geworden bin. Juhu, wenn ich wieder in Deutschland bin gibt’s einen Zwerg mehr der mich vielleicht schon „Nina“ nennt und frech lacht.

Ein Gedanke zu “Durchblick

  1. Herzlichen Glückwunsch, du frisch gebackene Tante. Dein neuer Neffe ist wirklich ein niedliches Kerlchen.
    (Übrigens war deine Info aus Nicaragua schneller als die der stolzen Großeltern.)

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