San Juan del Sur

San Juan del Sur

Vorab vielen Dank für die Rückmeldungen und Mails,  es freut mich immer zu hören, was euch erreicht und wie es euch geht. 🙂 Und bevor ich jetzt so motiviert Neues berichte, sollte ich mal klären, dass Nicaragua nicht in Afrika liegt. Ich lese es immer wieder schmunzelnd und gerne, aber es folgt hier ein Abschnitt für euch mit Nicaragua Bildung:

Nicaragua liegt in Lateinamerika zwischen Honduras und Costa Rica, im Westen an den Pazifik und im Osten an die Karibik angrenzend. Die Amtssprache ist seit der spanischen Kolonialzeit (1524) Spanisch, dass erfreulicher Weise zunehmend auch meine Gedanken bestimmt. An der Ostküste waren 1633 die Engländer und haben da vereinzelt ihre Sprache und Sklaven gelassen.
Ich wohne im Norden im zentralen Hochland, wo man von der englischen Kolonialzeit nichts mitbekommt und alles sehr spanisch katholisch ist. Auf den wenigen Straßen Richtung Karibik, sind es für mich circa 520km bis nach Bluefields und zum Glück nur 200 km in die dichter besiedelten Pazifikregion. Schließlich ist Nicaragua im Vergleich zu Deutschland klein und beschaulich (Deutschland ist dreimal größer als Nicaragua). Es gibt circa 5,8 Millionen Einwohner, wovon knapp 2 Mio. in der Hauptstadt Managua wohnen. Dafür gibt es umso mehr Urwald,  Nationalparks, 90 Vulkane (momentan sind grade 2 aktiv), zwei große Süßwasserseen in denen mutierte Haie leben und insgesamt über 850 km wunderschöne Küstenlinie.
Das Klima ist tropisch heiß und feucht. Bei mir oben in den Bergen ist es etwas angenehmer und die Tagestemperaturen schwanken zwischen 25-35° C, wobei die Luftfeuchtigkeit jetzt grade am Ende der Regenzeit zwischen 60% und 100% beträgt.
Nicaragua ist nach Haiti das zweitärmste Land in Lateinamerika und 53% der Bevölkerung leben unter der nationalen Armutsgrenze, dennoch ist Nicaragua das sicherste Land Lateinamerikas. Wer gerne noch mehr Hintergründe zur Geschichte und Wirtschaft haben mag, darf gerne fragen…
Zu guter Letzt für die Ökös unter euch: Durch die vielen Berge ist der Regenwald hier zu 2/3 unzugänglich und beherbergt so 10% der weltweiten Biodiversität. Also schön weiter Fahrrad fahren und auf dem öden Recycel Papier schreiben. 😉

Läuft. Ich bin jetzt seit 6 Wochen in Nicaragua und habe nach meinem ersten abenteuerlichen Arztbesuch einen angeblichen fiebrigen Magen-Virus mit Antibiotikum besiegt. Gegen das Paradoxe am Virus und Antibiotikum konnte ich mich leider nicht wehren, da ich schneller zwei Spritzen in der Hüfte hatte, als ich mit meinem 3m²-Kopf „Virus“ denken konnte. In den folgenden Tagen ging es mir nicht ganz so optimal, aber meine Gastfamilie hat sich sehr lieb um mich gekümmert. Ich hatte viel Zeit im Bett zu liegen, nachzudenken und mich für meine europäischen Privilegien zu schämen. Zugegebener weise war ich von dem Arzt nicht begeistert, aber immerhin hatte ich die Möglichkeit und das Geld dahin zu gehen, ich werde das Geld von meiner Versicherung sogar wiederbekommen und wäre im absoluten Ernstfall ins Luxuskrankenhaus nach Managua (oder per Hubschrauber nach Deutschland) gekommen. Das sind Möglichkeiten und Bedingungen die hier für die allermeisten unerreichbar sind. Selbst in meiner Familie hat keiner eine Krankenversicherung und in solchen Momenten schlägt mich das Wort „Armut“ wie eine Faust ins Gesicht.
Es ist wie eine Fassade, vieles wirkt natürlicher und unbeschwerter und ich neige dazu diese positiven idyllischen Bilder zu fokussieren, jedoch ist dahinter eine Realität, die mich täglich in Selbstkonflikte aufgrund meiner Privilegien geraten lässt. „Was möchtest du mal werden?“, „Was arbeitest du?“,   es ist schwierig mit Jugendlichen zu sprechen ohne dass dabei unbewusst Themen wie fehlende Bildung und Chancen mitschwingen. Wenn  ich gefragt werde, was ich nach dem Jahr hier machen möchte, habe ich auch immer noch keine faire Antwort gefunden, schließlich wäre die Aussage, dass ich studieren will oder mir alle Türen offen stehen, ganz schön frech. Es ist nicht meine hellere Haut die mich hier unterscheidet, sondern die Möglichkeiten und Privilegien die dahinter stehen. Und das kann einen ein bisschen seinem Konzept (Idealismus?) bringen.

Trotzdem ist das erfreuliche Fazit ist, dass ich wieder komplett gesund bin und ich außerhalb jedes Konzepts mit mehreren anderen Freiwilligen für ein langes Wochenende nach San Juan del Sur ans Meer gefahren bin. (Hurra ein weiteres Privileg, wir können das Land mehr bereisen, als die Einheimischen 🙁 )

In dem wunderschönen und touristischen San Juan del Sur (auf der Nicaragua Karte bei „Rivas“ zu finden) sind wir 13 Freiwilligen zwischen vielen Amerikanern und Europäern auch gar nicht mehr so aufgefallen. Zugegeben war es mal ganz angenehm fast „normal“ zu sein und wie ein Bilderbuch-Tourist mit dem einen oder anderen Cocktail einfach nur Meer und Strand zu genießen. Wir haben in einem Hostal direkt am Strand gewohnt, haben die Tage bei traumhaften Wetter auf Surfboards auf dem Meer verbracht und die anschließenden Nächte mit viel Musik und Tanzen auch zum Tag gemacht.
In mir hat ein Surf-(Wellenreiten) Herz angefangen zu pochen und ich hoffe dass ich schon bald wieder mit meinem Gewissen vereinbaren kann, wieder surfen zu gehen und den Flow zu feiern, wenn man oben auf einer guten Welle steht… surft…perfekt…ein Traum!

Der Grund für das lange Wochenende war der 15. September, der Nationalfeiertag  der Nicas, an dem die Unabhängigkeit von Spanien gefeiert wird. Daher gab es in ganz Nicaragua Feste und Umzüge in denen unteranderem jede Schulklasse und jeder Verein miteinbezogen ist. Schon oft hat mir ein Nica gesagt, dass die Deutschen viel organisierter und konsequenter sind, aber eine ganze Schule die im Takt der Musik in Reihen marschiert und tanzt, ist mir in Deutschland noch nicht begegnet. Für mich ist Nicaragua voll von Überraschungen.

Ich kann wieder einmal damit abschließen, dass es mir super gut geht und ich täglich echt dankbar dafür bin was ich habe, weil es eben nicht normal ist, wie und was wir sind. Es bringt mir nichts ein schlechtes Gewissen zu haben, umso mehr versuche ich meine Energie in Spanisch Kenntnisse umzuwandeln, um mich für das was ich hier lernen darf zu revanchieren.

Mit diesen Worten – hablamos espanol. Buenas noches!

(PS: In der Fotogalerie gibt es neue Fotos von dem Kindergeburtstag meines Gastcousins mit Pinata und das eine oder andere Angeber Foto aus San Juan del Sur… ;))

Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit

„Tranquila!“(Ruhig, unbesorgt, gut), es vergeht kein Tag wo ich es nicht höre. Zu recht. Denn dass Alles seine Zeit hat und es auch langsam funktioniert, wenn man von seinem hohen Konsum-Ross absteigt, durfte ich am Wochenende auf der Finca meiner Familie erleben.

Die „Finca Monte Rico“ ist ein über 100 Jahre altes Landhaus, hoch oben in Bergen fast bei Honduras, in dem die Geschichte meiner Nicafamilie und meine Nica-Oma zuhause sind . Der Strom für Licht abends ist Luxus, gekocht wird über einem Lehmofen, Wasser wird mit Eimern dahin gebracht, wo es benötigt wird.

Nach einer 1,5 Stunden langen holprigen Fahrt kamen wir morgens um 6 Uhr an. Es war kühl und ich erfreute mich das erste Mal an meiner Fleecejacke, die Kühe wurden grade gemolken, in der rauchigen Küche wurden Tortilla gebacken.
Umgeben von Hühnern, Hunden und Katzen, hängte ich meine Mosquitosichere Hängematte auf und begann mich zuhause zu fühlen. Wenig später erkundete ich die Umgebung und Patricia , Gastcousins Tupac und Dennis brachten mir bei, wo Mangos, Ananas, Bananen, Hocote, Koriander, Granadilla, Bohnen und Flor de Cana(daraus wir Rum gemacht) wächst und wie es geerntet wird .
Die Umgebung ist wunderschön und wenn man Esel, Ziegen und Schafe besucht hat, kann man weit ins nächste Tal blicken.

Später habe ich noch gelernt wie man aus der frischen Milch Käse macht, wie man Tortilla bäckt und weitere landesspezifische Spezialitäten in Bananenblätter wie ein Geschenk verpackt und nach 2 Stunden kochen eine wunderbare Mahlzeit hat. Alles Selbst angebaut, produziert, gekocht…
Back to the roots. Mir gefällt das wunderbar.

Am nächsten Tag, habe ich etwas geschummelt und meine Trockenhefe aus Deutschland ausgepackt womit wir eine Pizza gebacken haben, die ordentlich gefeiert wurde.

Das Wochenenende ging trotz aller Zeit viel zu schnell um und schon befand ich mich auf dem Rücken einer  Mauleselin, die mich zum Bus(Pick-up) trug. Ich war ziemlich froh, dass die Schublade mit den Kindheitserinnerung „Reiten“ spontan wieder auf ging und ich zumindest wusste, wie ich da Ding „bremse“, während die anderen gekonnt vor mir her trabten. Schaltung, Kupplung und Lenkrad werde ich das nächste Mal suchen, wenn ich hoffentlich ganz bald wieder da bin.

Sympathischer Typ

Heute bin ich Jesus begegnet.
Das stand zumindest auf seinem Tshirt drauf.
Er war ausgerechnet dann da, als ich verdutzt von meinem Fahrrad stieg, weil die Pedale abgefallen waren.
Bevor ich überhaupt nachdenken konnte, wie ich es hätte reparieren könnte, stand er schon mit einem Schraubenschlüssel da. Vorsichtshalber hat er mir auch gleich die Mutter von seindem Rad für mein Vorderrad angeschraubt…

Hola, Ich mag Nicaragua! 🙂