Canyon

Hola Muchaos!

Jetzt bin ich schon seit 2 Monaten hier bei den Sonnenmenschen und die Spannweite der verschiedenen Erfahrungen dehnt sich weiter aus, sodass es für mich immer schwieriger wird eine Struktur und Worte zu finden um mit euch das teilen zu können, was ich hier erlebe.

Am meisten hat sich meine Arbeit und mein Projekt verändert. Tag für Tag werde ich sicherer mit meinem Spanisch und so fällt langsam der Schutzmantel des „Nicht-Verstehens“  ab und man wird in Einzelschicksaale, Zusammenhänge, Pläne und Geschichten eingeweiht, die einen (wenn man nicht auf sich aufpasst) schon recht belasten können. Zum Glück ist mein Blickwinkel stets auf das positive ausgerichtet und so freue ich mich, dass ich das erste mal auf Spanisch geträumt habe und mich nicht mehr wie ein Affe mit Händen und Füßen ausdrücken muss, sondern mich human an Konversationen beteiligen kann.

Inzwischen haben sich „meine Projekte“ herauskristallisiert und so ist ein ungefährer Wochenplan entstanden. Montags und donnerstags arbeite ich in einer Schule, die Kinder des „Mercados“ (Markthallen hier in Somoto) unterstützt. Viele der Kinder müssen vormittags ihren Familien in den Markthallen helfen  (arbeiten) und können so nicht regelmäßig die staatliche Schule besuchen. Diesen Kindern bietet die „Escuelita del Mercado“ auf freiwilliger Basis an, Verpasstes nachzuholen, Fragen zu beantworten, bei den Hausaufgaben zu helfen und ein offenes Ohr zu haben. Gemeinsam mit 2-3 Lehrerinnen bin ich für circa 30 Kinder von 5-11 Jahren zuständig, mit denen es in einem Klassenzimmer schon recht laut werden kann. Aber es funktioniert! Meiner Meinung nach besser als in einer deutschen Grundschule. Dadurch, dass alle freiwillig da sind, es keinen Frontalunterricht gibt und eine unglaubliche Lernbereitschaft da ist, bilden sich kleine Gruppen die sich gegenseitig unterstützen. Während die einen lesen, sitze ich mit ein paar Kindern zusammen erkläre und übe schriftlich multiplizieren. Es ist anstrengend, vielen Kinderfragen (auch gerne gleichzeitig) gerecht zu werden, aber mir macht es unglaublich Spaß und ich habe das erste Mal das Gefühl hier wirklich gebraucht zu werden und aktiv und direkt was beitragen zu können. Es hat sich eine Gruppe von circa zehn interessierten  Kindern gebildet mit denen ich mich ab nächster Woche an die englische Sprache herantasten werde. Und es ist fast so, als hätte die Schule auf mich gewartet, denn in den nächsten Tagen wird ein zweiter Klassenraum fertig gestellt, den ich mit meiner Gruppe nutzen kann. Es gibt noch keine Möbel aber ich bin sehr euphorisch und freue mich schon darauf, euch mehr und von der Entwicklung dieses Projektes berichten zu können (wenn ich noch mehr eingetaucht bin). Generell fällt es mir schwer im Blog von „Neuigkeiten“ zu berichten, da sie oft nur erste Eindrücke wiederspiegeln und zu schnell zu einer Verallgemeinerung führen. Daher poco a poco…

Jeden Dienstag werde ich mit einer mir bekannten improvisierten Theatergruppe in der nah gelegenen Comunidad „Uniles“ zusammen arbeiten. Wie ihr mich kennt, bin ich nicht die geborene Schauspielerin aber ich hoffe gemeinsam mit der Gruppe entdecken zu können, dass man im Normalfall nicht mit dem Rücken zum Publikum steht und immer klarer die Aussagen der Aufführungen (wie z.B „Benutzt Kondome, sie schützen vor AIDS“ oder „Frauen sind gleichberechtigt“) herausarbeiten zu können. Zu zwei Frauen konnte ich schon einen freundschaftlichen Kontakt aufbauen und ich hoffe auch bald von diesem Projekt mehr berichten zu können.

An den anderen Wochentagen arbeite ich zusammen mit meinen Kollegen an der Vorbereitung und Durchführung von verschiedenen Veranstaltungen die wir in den Comunidades oder im Versammlungshof unseres Büros durchführen. Die Themen beziehen sich z.B. auf Aufklärung über die Rechte von Frauen, von Kindern oder Aidskranken, Gewalt, Machismus, Ernährung und Umweltschutz.
Morgen werden wir den ganzen Tag in einer Comunidad in einem Projekt zu dem Thema Katastrophenschutz und erste Hilfe arbeiten. Das ist eher der Themenbereich des anderen Freiwilligen Carsten, wo ich assistieren werde und den Part der Animation übernehmen werde. Kann auch langweilig werden, mal sehen.

Dafür ist es in meiner Familie nie langweilig, denn jetzt haben wir für einen Monat noch einen amerikanischen Mitbewohner. Ich habe den Ami, einen 3-Monate-Freiwilligen, eines Abends nach dem Basketball spielen kennengelernt und ihn überzeugen können aus seinem Hotel auszuziehen und das leer stehende Zimmer bei uns im Haus zu mieten. Meine Gastmutter hat sich echt darüber gefreut und ich freue mich, dass sie sich freut und der Ami schlechter Spanisch spricht als ich. Mit freundlichen Grüßen an mein Ego.
Meinem Ego geht’s übrigens auch gut. Ich schmiere ihm jedes Wochenende ein bisschen Honig um den Bart: Vorletztes Wochenende haben wir uns mit ein paar Freiwilligen in Chinandega und der Hafenstadt Corinto getroffen und haben einen Salsa Crashcurs mit anschließender Party besucht. Die nicaraguanischen Teilnehmer konnten im Gegensatz zu uns perfekt tanzen und haben uns ein wenig wie ein „Körperklaus“ da stehen lassen. Jedoch ist mein Fazit: Es war eine tolle Erfahrungen und man sollte das Tanzen immer weiter ausbauen, nur vielleicht nicht im fast durchgängig 40° C heißen Chinandega, dass einen in einen triefenden Waschlappen verwandelt.

Wie froh war ich da als ich wieder in meinem angenehmen 27°C warmen Somoto, mein Zuhause in den Bergen ankam. Und dieses Wochenende habe ich auch endlich den Nationalstolz MEINER Stadt kennen gelernt. Den Canyon – ein Traum.
Mit einer Nicadeutschen-Gruppe (plus Ami) haben wir eine größere Tour in den Canyon gestartet. Den Vormittag sind wir mit Schwimmwesten durch den Canyon gewandert, geschwommen, getrieben und gerutscht. Man fühlt sich wie in einer natürlichen Wildwasserrutsche, umgeben von 100m hohen Felswänden und Untertassen-großen blauen Schmetterlingen. Zwischen dem Staunen und entspannten Bewundern gib es immer wieder erfrischende Adrenalinkick(s), wenn man sich von einem 3-15m hohen Felsvorsprung in das blaugrüne Wasser herabstürzt (springt) und das ganze zum Abenteuer wird. Das letzte Stück sind wir dann im seichten Wasser mit einem Boot gefahren.
Abends haben wir das Abenteuer mit Lagerfeuer, Bierchen (mehr als ein Bier) und Vollmond im Canyon ausklingen lassen. Unsere Zelte standen nahe dem Fluss auf einem Sandstrand, Pasta und Soße haben wir auf dem Feuer gekocht und die Atmosphäre war atemberaubend. Irgendwann ging dann noch angeberisch der Vollmond auf und gegen ein nächtliches Bad im angenehm warmen Fluss war nichts mehr einzuwenden. Ein Highlight-Abend voller Geschichten in Somoto. Hier wohne ich übrigens. 😀
Am Anfang habe ich meinen Mit-Freiwilligen Carsten gerne mit Schwärmereien über Münster genervt, aber das nächste Jahr seit ihr dran:
Mein Somoto. Mein Nicaragua. Mein Wunsch. Mein Leben.


PS: Ich komme wieder, keine Frage.
Mein Münster. Mein Merlin. Meine Mohn´s. Mein Leben.

8 Gedanken zu “Canyon

  1. Mein liebes Schwesterchen! Johanna wird unruhig und will wieder mit Dir „pielen“. „Lina meine Patentante. Lina und ich sehr lieb!“

  2. Hast du inzwischen die ersten – hoffendlich genauso positiven – Erfahrungen mit deinem Englischuntericht gesammelt? Ich wünsche dir weiter viel Freude und vor allem Gelingen dabei.
    Wahrst du die „Mitfreiwillige“ die den 15m-Absprung ausprobieren musste???

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