Kleine Momente im Kontrast

Schnee! Eis! Der Winter ist eingebrochen, mit der Nachricht erreicht mich das eine oder andere Mail.

Ja bei uns ist es auch kühler geworden. Ich sitze bei  nur noch 27°C nach einem entspannten Samstagvormittag in der Hängematte in der Sonne und versuche für euch die Eindrücke und Erfahrungen aus der letzten Woche zusammen zu puzzeln.

Das letzte Wochenende verbrachte ich in Granada, eine Stadt im Süden am Nicaraguasee gelegen, die heute noch von vielen liebevoll restaurierten Häusern aus der Kolonialzeit geschmückt wird. Man fühlt sich fast in einer andere Zeit versetzt.  Die Straßen sind von Straßencafes gesäumt, in deren Mitte reiche Einwohner und Touristen friedlich flanieren . Ein Freund vergliche es mit dem Flair von Paris. Entspannen und das genießen, was es oben bei uns in den Bergen nicht gibt. Gegen eine französische Bäckerei kann ich mich nie währen.
Doch abseits des Zentrums hört Paris schnell wieder auf. Auf dem Mercado drängt sich ein improvisierter Marktstand eng an den nächsten, in dem Gewusel versuchen Kinderhände eine von unseren gekauften Bananen zu erbetteln. Der Geruch von ungekühltem Fleisch und Leder der Gürtel und Sandalen vermischt  sich mit dem Duft von exotischem Obst und  zuckersüßem Gebäck.
Ein anderes Kind fragt mich ob es meine Wasserplastikflasche haben kann. Für ein gesammeltes Pfund Plastik bekommt es umgerechnet 60 Cent. Betteln und Kinderarbeit unterstützen?
Diese kleine Hilfe verwehren und die Flasche nachher wegschmeißen? Ich trinke die Flasche schnell aus. „Aber das Geld kommt doch nicht bei den Kindern an, das versaufen die Eltern.“, sagen die Kritiker.
Gut und böse ist zu sehr vermischt, es ist schwer mit reinem Gewissen das Richtige zu tun.
Es nagt an mir in der Rolle des potentiellen Gebers zu sein.
Ich erinnere mich an die Situation, als ich bei einem Fest in einer Comunidad von Kollegen beauftragt wurde, Süßigkeiten an die Kinder zu verteilen. Jegliche Gerechtigkeit und Struktur zu organisieren war nicht möglich, da war ich umringt von 50 schreienden drängelenden Kindern mit großen Kulleraugen. Entscheiden, welche erwartungsvolle Kinderhand sich schließen wird… ich habe es gehasst. Das nächste mal werde ich die Süßigkeiten wohl in die Luft schmeißen.
Solche Situationen sind nicht selten, Armut bekommt hier ein konkretes Gesicht. Umso mehr ich mit Hintergrund Geschichten der Kinder an meinem Arbeitsplatz Escuelita de lMercado eintauche, umso mehr bekommen „Missbrauch“ und „Gewalt“ auch konkrete Gestalt und Namen.

Und im Kontrast stehe ich wieder da, mit meinen unbesorgten Lebensstil, mit einem sozialen emotionalen und finanziellen Auffangnetz. Für mich ist klar, dass sich was ändern muss. Ich wünsche mir oft, dass mehr Personen solche Erfahrungen machen könnten und realisieren, dass man sich bewegen muss. Wie schön wäre es, wenn mehr Menschen die Zeit, die sie mit Fernsehen verbringen, sich aufraffen würden und sich einen Punkt suchen, wo man ansetzen kann um was zu bewegen.  Lokal, Global, Sozial. Sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen, kann man auch schon in Deutschland um die Ecke.
Dass die Welt und das Leben ungerecht ist weiß jeder. Aber wie es ist, selber auf der finanziellen Verliererseite und deren Folgen zu stehen, weiß noch nicht mal ich. Ich kann es sehen und hören und meine Schlüsse daraus ziehen, ohne von den Blickwinkel des Regisseurs, ohne von Kommentaren des Fernsehreporters beeinflusst zu werden. Ich kann der Welt nicht helfen, aber ich kann und will was bewegen.

Es sind die vielen kleinen Momente, wie der Plastik-Sammel-Junge die mir zu denken geben und es sind aber auch die vielen kleinen glücklichen Momente hier die Nicaragua für mich so besonders machen:
…wenn eine erschöpfte Frau an meiner Schulter im Bus einschläft.
…wenn der Obstverkäufer mich mit Namen begrüßt und noch eine Extraorange meiner Lieblingssorte mit in die Tüte packt.
…wenn ich morgens aufstehe und frage: „Hay aqua?“ (Gibt’s Wasser?) und sie überraschende Antwort „Si ya hay!“ (Ja jetzt schon) lautet.
…wenn ich nach dem Arbeiten nach Hause komme und mein kleiner Gastbruder mich mit „Hola hija de mi madre“ (Hallo Tochter meiner Mutter) begrüßt und auf meinen Arm klettert.
…wenn ich mich zusammen mit dem Taxifahrer freuen kann, dass die Mauer „grade“ in Deutschland gefallen ist.
… das Kind das mich mit offenen Armen in einer Comunidad empfängt.
…die Erkenntnis, dass das lästige alltägliche Warten, dass jemand kommt, oder was anfängt, neue Möglichkeiten sind um sich zu Unterhalten, Armbänder zu knüpfen und zu lesen.
… den Erfolg wenn ein 12 Jähriges Kind gelernt hat seinen Namen zu schreiben.
… und noch so viel mehr…

Ich glaube es sind die kleinen Momente die mich hier besonders prägen. Die größeren Momente sind für den Touripart des Blogs und fürs Fotoalbum.

Ich könnte viel von unserem Ausflug mit einem Boot auf dem Nicaraguasee durch das Labyrinth von 340 kleinen Inseln schwärmen und die kleinen Äffchen beschreiben, die wir auf einer Insel entdecken konnten.  Von dem Besuch meines ersten „Oktoberfestes“ in einer Kneipe von einem in Nicaragua „hängengebliebenen“ Deutschen. Ja es waren schöne Tage, aber letztendlich schrumpft es auch zusammen in einem Gewirr aus Neuen, Beeindruckendem, Nachdenklichem und Wunderbaren Momenten, wo Größe keine Rolle spielt.

Ich wünsche euch, dass ihr eure großen und kleinen Momente genießen könnt und nicht so viel vor dem Fernseher hängen bleibt. 😉

Liebe Grüße nach Nordosten und nach Nordwesten!

PS. Es ist dieses Wochenende „Karneval“ in Somoto. Die ganze Hauptstraße ist schon abgesperrt und angeblich wird die ganz Nacht durchgefeiert. Ich mach mich mal auf den Weg…

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