Letzter Blogeintrag aus Nicaragua – Adios!

 

Mein Jahr in Nicaragua neigt sich dem Ende zu. Heute genau in drei Wochen werde ich wieder das große Gelände mit der weißen gläsernen Gebäudes betreten, dass mich an eine große Konzerthalle erinnert. Die Buchstaben von „Augosto C. Sandino“, der Name des Flughafens werden mir entgegen schimmern und ich werde meine letzten Cordoba  vermutlich für den typisch gesüßten Cafe in Nicaragua lassen, bevor ich in das Flugzeug steige, dass mich wieder zurück in meine nordische Heimat bringt…

Was in der Zwischenzeit passiert ist?

In den letzten vier Monaten habe ich keinen Blog geschrieben und bei all denen, die trotzdem zwischendurch geschaut haben und nichts vorfanden, möchte ich mich entschuldigen.

Ich kann selber auch nur Theorien aufstellen, warum ich den Blog nicht aktualisiert habe. Vielleicht habe ich mich so sehr an mein Umfeld gewöhnt, dass ich es nicht mehr als interessant genug erachtet habe, von meinem Alltag zu berichten? Hatte ich was Spannenderes zu tun als meine Zeit konzentriert am Computer zu verbringen? Kritisiere ich mich selber zu sehr für die Selbstdarstellung? War ich einfach zu faul, mein gedankliches Kopfchaos in öffentlichkeits-taugliche Sätze zu transformieren? Ich denke die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

Jetzt baumle ich zumindest entspannt in meiner Hängematte und bereite mich mental darauf vor bald wieder in Deutschland zu sein. Ich stelle mir eine Käseplatte vor, fließend warmes Wasser, und meine lieben Menschen, die ich nach einem Jahr endlich wieder in den Arm nehmen darf…

So lasse ich ein Jahr Nicaragua Revue passieren und kann nur feststellen, dass ich in jeglicher Hinsicht sehr viele positive Erfahrungen machen durfte und einfach auch sehr viel Glück gehabt habe.

In meiner Gastfamilie, von der ich am Anfang mal berichtet habe, bin ich die ganze Zeit zufrieden wohnen geblieben und sie werden mir wohl den Abschied hier auch etwas schwerer machen. Ja es ist wie mein nicaraguanisches Zuhause, wo man zusammen lachen und sich auch gegenseitig mal eine Sorgenfalte wegstreichen kann.

Auch für das was ich hier an deutscher Unterstützung durch meine Mitfreiwilligen mitbekommen habe, bin ich sehr dankbar. Insgesamt haben die meisten aller Freiwilligen die Eigenschaft sehr sympathisch zu sein, aber ausgerechnet hier oben im Norden habe ich wirklich ein Prachtexemplar an Freiwilligen und Mensch abbekommen. Es ist als ob man einen Jahresbruder bekommt, von dem man lernt, mit dem man von anfänglicher Sprachbarrikade, über die Projekte bis hin zu Wochenend-Ausflügen alles teilt. Man genießt zusammen die schönen Momente, man meistert die miesen Tage, man darf sich auch mal an nerven und kann danach wieder lachen.

Ein Carsten, eine Alina, ein Jahr zusammen in Somoto, das ich nicht missen und nie vergessen werde. Danke!

Auf meine „Arbeitswelt“ kann ich auch zufrieden zurück blicken. Mein Projekt mit der Aidsprävention hat niemals so stattgefunden, wie es angekündigt war, aber ich bin wirklich nicht böse drum. Ich habe viele Freiheiten und Rechte bei meinem Arbeitsplatz genossen, um eigene Ideen und Projekte umzusetzen, die ich zu guter Letzt oft nur mit Eurer Unterstützung realisieren konnte.

Nach dem wir das Möbelbauprojekt für die Escuelita del Mercado erfolgreich abgeschlossen haben, war von der Holzkohle noch genügend da um weitere Projekte zu starten.

Zwischendurch haben wir in einer Communidad oben in den Bergen, an der Grenze zu Honduras, gearbeitet, wo es Strom nur begrenzt gibt und viele Räume sind dunkel und ohne Fenster. So war die Idee, angelehnt an ein verbreitetes Entwicklungszusammenarbeits-Projekt, transparente Plastikwasserflaschen in das Dach einzubauen, so das Tageslicht in den inneren Wohnraum reflektiert wird. Mit Hammer, Meißel, Draht und Dachkleber bewaffnet haben wir zusammen mit den Bewohnern auf dem Dach gearbeitet und durften sogar in eine Kirche zwei „Flaschenlichter“ über den Altarraum einbauen.

In der Escuelita del Mercado ging es natürlich auch normal mit Englischunterricht und Hausaufgaben- und Lern Betreuung weiter. Ein paar Mal war ich auch wieder in der Tischlerei um Spiele für die Kinder zu basteln, wie zum Beispiel ein Memory zum Englisch lernen.

Des Weiteren ist auch ein wenig „Holzkohle“ weiter an die Projekte gegangen, die über meinen Mitfreiwilligen Carsten mit der Feuerwehr in Somoto laufen. Material für Sicherheitskurse, sowie Fahrtkosten für die Fahrt in die Hauptstadt Managua um gespendete deutsche Feuerwehrausrüstung aus dem Zoll zu boxen hat die „Holzkohle“ noch gestemmt. (Mehr noch zu diesem Thema auf Carstens Blog: www.carstenmohr.com)

Zu guter Letzt haben wir noch ein wenig Kohle in Zement verwandelt und haben versucht uns für unsere Partnerorganisation etwas künstlerisch zu betätigen. Mit Glasflaschen und Scherben haben wir ein Mosaik an die Außenwand des Büros gepuzzelt. Das Motiv der  Ameise, die fleißig im Team arbeitet, ist das Symbol unser Partnerorganisation Movimiento Comunal Nicaragüense. Während unser Arbeit kamen oft Leute vorbei, staunten, fragten und ermutigten uns, nur bei der Gestaltung der Augen gingen die Meinungen sehr auseinander: Um die Pupillen zu puzzeln, hatten wir kein schwarzes Glas, so wählten wir als Alternative dunkelblaues Glas. Und da war das Gelächter am Ende groß: „Die hat ja blaue Augen, ein deutsche Ameise. Haha!“

Unsere Intention war es nun wirklich nicht, verbuchen wir es als dezentes Andenken an uns.

Meine Arbeitszeit war gemischt, zwischen bewegenden Projekten gab es auch diese Tage im Büro, wo man Buchstaben aus Pappe ausgeschnitten hat; bei Versammlungen Zettel und Stifte verteilt hat; stundenlang erklärende Bilder auf Styropor gemalt hat, die nach der Präsentation weggeschmissen werden, oder mal unmotiviert am Computer saß und sich wünschte ein amüsierendes Mail von Freunden, würde nie aufhören ohne dass man antworten muss.

Doch zum Glück konnte die Arbeit und Projektarbeit immer wieder mit entspannter und abenteuerreicher Freizeit ausbalanciert werden.Ich vermute, dass ich Nicaragua inzwischen viel besser als Deutschland kenne. Da das Reisen so günstig und Nicaragua so klein ist, glaube ich fast jede Stadt zu kennen, bin auf Vulkanen herumgestiefelt, habe per Pferd  Inseln,Berge und Wasserfälle erkundet, habe in einen Vulkan hineingeschaut, habe mit Affen um die Wette gebrüllt, habe am Strand gefeiert, bin durch den Urwald geschippert, Salsarythmen haben meine Beine zum Tanzen gebracht, habe an blauen klaren Lagunen die Seele baumeln lassen und habe dabei immer wieder unglaubliche interessierte gastfreundliche Menschen in Nicaragua kennen gelernt.

So gingen die Tage, Wochen und Monate ins Land. Ich war in Nicaragua angekommen, ich machte mir Essen, wenn ich Hunger hatte. Klemmte mich hinter ein Projekt, wenn ich einen guten Gedanken hatte, verfeinerte jeden Tag mein Spanisch und wirbelte selbstbewusst in dem Leben und der Kultur herum, das anfangs noch so fremd und einschüchternd war.

Ich habe gelernt, immer wieder über meinen Schatten zu springen; Situationen zu erkennen, wo ich anpacken kann oder die ruhen zu lassen, die ich nicht ändern kann; ich habe gelernt geduldig zu sein und zu improvisieren, ich habe täglich versucht meinen Kopf aufzuräumen, Denkmuster und Meinungen zu hinterfragen; habe meinen Blick für Unrecht, Ungleichberechtigung und Rassismus geschärft; habe ein Jahr lang die Kleinen Alternativen von Aldi, H&M, Amazon gelebt.

Kurzum,  habe ich das Gefühl sehr viele wichtige Sachen für mein Leben gelernt zu habe, die dreizehn Jahren Schulunterricht nicht vermitteln konnten. Lernen ohne Leistungsdruck, natürlichen Impulsen folgen und dabei seinen Horizont erweitern, das werde ich in Deutschland vermissen.

Und auch wenn mir sehr wohl bewusst ist, dass ich nicht alles richtig machen kann und man mich immer kritisieren kann und wird, glaube ich daran am Ball zu bleiben um zu etwas Besserem beizutragen. Und das heißt seine Komfortzone verlassen.

So werde ich in drei Wochen meine geliebte bunte nicaraguanische Komfortzone verlassen, zurückkehren und mich hinsetzen um dafür mal studieren. Wo, was, wann und wie hat sich noch nicht ganz entschieden.

Erst mal komme ich für ein paar Wochen zurück ins Münsterland und werde von da aus weiterschauen.

Wen ich von Euch da wohl wieder treffe?

Ich freue mich wirklich auf Euch!

Vielen Dank fürs Blog lesen, für die aufmunternden E-mails. Demnächst halte ich euch wieder persönlich auf dem Laufenden.

Liebe Grüße von Alina

Suchbild, ich habe mich meiner Umgebung angepasst. 😉

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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